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Der Pilger-Künstler
Gerd Winner ist mit 89 Jahren in Liebenburg gestorben
Liebenburg/Braunschweig. Seine Kunst schuf einen weiten Horizont. London, New York, Tokio – überall war er den Strukturen des urbanen Lebens auf der Spur. Auf der Suche nach der Stadt, die er im Bombenhagel vom Oktober 1944 verloren hatte. Gerd Winner war auf der ganzen Welt unterwegs, aber im Braunschweiger Land zu Hause. Am 8. April ist der Maler und Grafiker mit 89 Jahren in Liebenburg gestorben.
Bis fast zum Schluss war er künstlerisch tätig. Das Barock-Schloss Liebenburg, das er 1974 erworben hatte, wurde nicht nur Wohnstätte, es war ein Kraftort, an dem seine Spiritualität künstlerischen Ausdruck fand. Vor allem durch großformatige Werke im öffentlichen Raum. Bilder, hergestellt im Siebdruckverfahren und Skulpturen aus Stahl.
Nicht zu vergessen das „Haus der Stille“ auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen Belsen. Eine Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust. Gerd Winner ließ sich inspirieren von einer Spiritualität, die der Hoffnung auf ein humanes Miteinander der Menschen geradezu unerschütterlich verpflichtet blieb. Das offenbarte sich nicht zuletzt in der Menschenfreundlichkeit, die er jedem, der ihm begegnete, entgegenbrachte.
Seine Impulse verdankte er nicht zuletzt christlich-jüdischen Interpretationszusammenhängen. Vor allem das Kreuz wurde über die Jahre zu einem herausragenden Kennzeichen seiner Kunst.
Er fand es nicht nur in den Kirchen, sondern in der Profanität des Alltags, an Gebäuden und auf Straßen, an Mauern und Fassaden. In seiner künstlerischen Umsetzung transzendiert es die Realität des Faktischen und ermöglicht einen „zweiten Blick“. Seine Ausstellung „Crossroads“ 2024 in der St. Andreas-Kirche in Braunschweig legte davon eindrücklich Zeugnis ab.
Wie kaum ein anderer Künstler war Winner Jahrzehnte lang ein Repräsentant des Braunschweiger Landes. Seine Werke sind in zahlreichen internationalen Museen und Galerien ausgestellt. Gleichzeitig ist er an vielen Orten in der der Region präsent. Zum Beispiel durch seine Kreuzwege im Landeskirchenamt Wolfenbüttel oder in der Klosterkirche St. Albertus Magnus in Braunschweig. Immer wieder hat er in ökumenischer Verbundenheit die Zusammenarbeit mit den Kirchen gesucht.
Eine letzte kleine Ausstellung zu Lebzeiten präsentierte seine Kreuzzeichen 2025 in der Braunschweiger Jakob Kemenate. Das Projekt zeigte ihn als Pilger, der bis zum Schluss unterwegs war zwischen der im Krieg verlorenen Stadt und dem himmlischen Jerusalem.
Michael Strauß